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Lesetagebuch: Die drei Sonnen von Liu Cixin

Damit habe ich die erste von drei Leseaufgaben der aktuellen Lesezwinger-Runde erfüllt. Die drei Sonnen hat mir außerordentlich gut gefallen – aber hat das Buch auch meine Anforderung erfüllt? Lest selbst!

Lesezwinger 2.1

Wir erinnern uns: Im Rahmen der zweiten Lesezwinger-Runde stellte ich der Gemeinde eine erneute Herausforderung.

Da fast jede Science-Fiction-Geschichte recht eurozentristisch angelegt ist und in einer Zukunft spielt, die im Grunde nur die Weiterführung unserer „westlichen“ Kultur darstellt, wünsche ich mir schon lange mal was zu lesen, in dem es in der Beziehung etwas realistischer zugeht.

Ich bekam gleich drei Vorschläge unterbreitet – unter anderem legte mir der gute @Weltenkreuzer Die drei Sonnen ans Herz. Und so landete dieses Werk des chinesischen Autors Liu Cixin flugs auf meinem Kindle. Es folgen zunächst eine Inhaltsangabe und eine schonungslose Bewertung, um dann der Frage nachzugehen, inwiefern meine Anforderung erfüllt wurde. Und ab hier gilt:

WARNUNG VOR DEM SPOILER!

Die drei Sonnen

Die Geschichte spielt zunächst in zwei Zeitebenen. Der Leser wird gleich zu Beginn in die chinesische Kulturrevolution der 60er Jahre versetzt. Die Astrophysikerin (und eine der beiden Hauptfiguren) Ye Wenjie muss mit ansehen, wie ihr Vater – ebenfalls Wissenschaftler – in Folge der chaotischen Ereignisse umgebracht wird. Ihre Mutter verliert sie eher auf übertragene Weise an die Kulturrevolution und selbst gerät sie als Tochter eines “unbelehrbaren Konterrevolutionärs” ebenfalls in die Fänge der revolutionären Garden. Im weiteren Verlauf landet sie im Arbeitslager und wird schließlich auf eine strenggeheime Basis geschafft, deren eigentlicher Zweck sich ihr (und dem Leser) zunächst nicht erschließt, die aber über eine riesige Radioantenne verfügt.

Die eigentliche Haupthandlung spielt quasi in unserer Gegenwart (oder nur wenige Jahre in der Zukunft). Die Hauptfigur hier ist der Ingenieur und Experte für Nanomaterialien Wang Miao, der eher zufällig in die Ereignisse gezogen wird. Anscheinend haben es gerade dunkle Mächte auf Wissenschaftler abgesehen, die reihenweise Selbstmord begehen oder ihre Forschung aufgeben. Auch er scheint in den Fokus dieser Mächte zu geraten, wird aber gleichzeitig von den staatlichen Organen kontaktiert und gebeten, bei dem Kampf gegen diese dunklen Mächte zu helfen. Wer diese Mächte sind und worum es überhaupt geht, wird weder ihm noch dem Leser zu Beginn offenbart. Es scheint sich allerdings um ein weltweites Phänomen zu handeln, da auch NATO- und US-Offiziere an den Aktionen beteiligt sind.

Wang Miaos Aufgabe beschränkt sich zunächst darauf, sich bei den Mitgliedern einer internationalen Wissenschaftler-Vereinigung sowie den Spielern des in Intelektuellen-Kreisen gerade beliebten VR-Spiels Three Body einzuschleusen. Darin spielt (oder erlebt) man die Geschichte einer Welt namens Trisolaris, die – logisch – um drei Sonnen kreist und daher einer sehr instabilen Bahn folgt, die für dramatische Klimaschwankungen verantwortlich ist. Die Zivilisation auf Trisolaris bricht daher regelmäßig zusammen und muss immer wieder bei null anfangen. Die (unmögliche) Lösung des physikalischen Drei-Körper-Problems (so ja auch der Originaltitel des Buchs) wäre für Trisolaris daher elementar und stellt anscheinend ein Spielziel dar.

Nach einigen Wechseln zwischen der Gegenwartshandlung, Rückblenden in die 60er Jahre und Schilderungen von Spielszenen offenbart sich dem Leser (und auch Wang Miao) schließlich das Szenario eines heraufziehenden interstellaren Krieges zwischen der Erde und dem realen Trisolaris, dessen erste geheime Schlachten schon voll im Gange sind. Und natürlich hat dies alles seinen Ursprung in der Vergangenheit und bei Ye Wenjie.

Die geheime Basis entpuppt sich nämlich als Teil eines chinesischen SETI/METI-Projekts. Es gelingt der Basis, eine Botschaft abzusetzen, die von Trisolaris empfangen wird – das sich nirgendwo anders als in der instabilen Umlaufbahn um die Alpha-Centauri-Sterne befindet. Und tatsächlich empfängt die Basis vier Jahre später eine Antwort, die – wie es der Zufall will – nur Ye Wenjie bemerkt. Die Antwort enthält eine Warnung, nie wieder eine Botschaft abzusetzen. Der Absender behauptet ein trisolarischer Pazifist und Dissident zu sein, der nicht möchte, dass die bereits in Marsch gesetzte Invasionsflotte die Erde entdeckt.

Da die gute Ye Wenjie aufgrund ihrer negativen Erlebnisse im Zuge der Kulturrevolution eine sehr schlechte Meinung von der Menschheit hat, entscheidet sie, ihren eigenen Planeten zu verraten und sendet eine zweite Botschaft ab, um den Invasoren den Weg zur Erde zu erleichtern. In den Folgejahren tut sie sich mit anderen Kulturpessimisten zusammen – unter anderem mit einem amerikanischen Naturrechtler – und begründet mit ihnen eine weltweite Geheimorganisation, die quasi als fünfte Kolonne die Invasion der Trisolarier unterstützen soll.

Gegen Ende kommt dann noch eine Handlungsebene auf Trisolaris hinzu, welche die Geschehnisse aus dieser Warte beschreibt. Das Buch endet damit, dass es den Menschen in der Gegenwart gelingt, diese fünfte Kolonne zu zerschlagen und die in der Zwischenzeit zwischen ihnen und Trisolaris stattgefundene Kommunikation zu sichern. Dadurch offenbart sich auch, mit welchen hochstehenden Waffen es den Trisolariern möglich war, die Forscher auf der Erde und ihre Arbeit zu beeinflussen. Das ist nämlich das Hauptziel in dieser frühen Phase der Invasion: Den wissenschaftlichen Fortschritt auf der Erde zum Erliegen zu bringen. Die Invasionsflotte ist nämlich noch 400 Jahre unterwegs. Und damit die Menschen bis dahin nicht technologisch aufgeholt – oder gar überholt – haben …

Somit endet “Die drei Sonnen” mit einem ersten Erfolg für die Menschen – wie es weitergeht erfährt man dann in den beiden Folgebänden.

Geradlinig, einfallsreich, spannend

Das Buch hat mir außerordentlich gut gefallen. Auch wenn die Handlung mit dem Konflikt zweier Welten und dem Invasionsthema durchaus nach recht klassischer Science-Fiction klingt, ist sie durch die Erzählweise sowie das Szenario und die Themen, in die sie eingebettet ist, sehr spannend. Was ich ja immer mag sind einfallsreiche SF-Ideen und da wurde ich mit dem aus einer Armee bestehenden Computer sowie den Sophonen sehr gut bedient.

Die Beschreibung eines solchen Computers hätte auch von Stephenson oder Gibson stammen können (eventuell gibt’s sowas ja sogar bei denen?) In einer Spielszene, die im Grunde die Historie von Trisolaris darstellt, wird in einem vortechnischen Zeitalter aus einer riesigen Armee ein Computer zur Berechnung des Drei-Körper-Problems entwickelt. Dabei stehen die Soldaten in “Schaltkreisen” beisammen und übermitteln sich mittels Fähnchen digitale Informationen. Das alles ist sehr anschaulich und stimmig beschrieben, dass es eine wahre Freude ist.

Ähnlich die Sophonen, welche die Hauptwaffe der Trisolarier darstellen. Es handet sich um programmierte Protonen, die zur Erde geschossen wurden und durch quantenverschränkte Pendants auf Trisolaris ferngesteuert werden können. Zwei davon genügen, um alle Teilchenbeschleuniger auf der Erde unbrauchbar zu machen und außerdem Wang Miao und andere durch Spukerscheinungen in Angst und Schrecken zu versetzen. Tatsächlich ist jedes Sophon ein autonomer Computer. Besonders beeindruckend war die “Herstellung” dieser Dinger. Die Trisolarier sind in der Lage, das elfdimensionale Innenleben auf- und wieder zuzufalten, um darin Schaltkreise einzubrennen. Ein aufgefaltetes Proton umspannt dann mal locker den ganzen Planeten. Auch dieser Vorgang ist sehr spannend beschrieben.

Die Charaktere: Stimmig mit einer Prise Klischee

Die weitere Rezi teile ich mal wieder nach meinem Bewertungsschema auf und verliere zunächst ein paar Worte über die Charaktere. Einige der Nebenfiguren mögen etwas klischeehaft daherkommen – zumindest im Ansatz gilt das sogar für den schnoddrigen Polizisten, der Wang Miao zur Seite steht. Die Hauptfiguren – allen voran Ye Wenjie – finde ich aber sehr gelungen und nachvollziehbar. Gerade ihr Weg von der entrechteten jungen Frau in der Kulturrevolution zur Verräterin an der Menschheit ist hervorragend beschrieben. Sie wirkt dabei nicht als Schurkin (auch wenn sie mindestens zwei direkte Morde zu verantworten hat). Man nimmt der Figur all ihre Taten und Entwicklungen ab. Ähnlich glaubhaft und durchdacht erscheinen die meisten Charaktere aus der 60er-Jahre-Handlungsebene. Doch auch wenn Wang Miao in der Gegenwarts-Ebene mehr eine passive Beobachterfunktion hat, wirkt auch er sehr stimmig.

Die Konflikte: Mensch gegen Gesellschaft

Die Hauptkonflikte, mit denen die handelnden Figuren zu tun haben, drehen sich in dem Buch eigentlich immer darum, dass der Einzelne sich mit der Gesellschaft, ihren Zwängen auseinandersetzen muss. Das wird natürlich vor allem in der 60er-Jahre Handlungsebene deutlich, in der die Hauptfigur ohnmächtig in die Mühlen der revolutionären Garden gerät, aber auch der amerikanische Naturrechtler sieht sich im Konflikt mit “dem System”. Später wird ein Trisolarier beschrieben, der ebenfalls im Widerspruch zu den dortigen Lebensverhältnissen steht und selbst Wang Miao muss sich vor allem mit den staatlichen Stellen auseinandersetzen, die ihn beauftragen – und später mit den Strukturen der Geheimgesellschaft, die er infiltriert hat. Interessanterweise werden diese Konflikte bei keinem so richtig aufgelöst. Alle fügen sich früher oder später in ihr Schicksal. Die einzige, die – wenn auch unerkannt – rebelliert, nämlich Ye Wenjie, reißt damit gleich die ganze Menschheit in den Untergang.

Die Dramaturgie: Geradliniger Krimi

Im Grunde ist das ganze ein Krimi. Tatsächlich beginnt die Gegenwartshandlung sogar mit einem Todesfall, den es zu Untersuchen gilt, nämlich dem mysteriösen Selbstmord einer Wissenschaftlerin. Wang Miao hat ein bisschen die Rolle eines Ermittlers inne – wobei er aber eher ein Watson ohne Holmes ist. Und so folgt man dem “Helden” bei seinen “Ermittlungen” sowie durch Rückblenden auf dem Weg zur Erkenntnis, was denn eigentlich hinter allem steckt. Leider wird Spannung dabei oft durch das schlichte Vorenthalten von Informationen erzeugt. Der Leser wie die Hauptfiguren kriegen einfach lange nicht gesagt, was den hinter dem Three-Body-Spiel und der Geheimorganisation steckt – obwohl die Behörden das schon recht früh zu wissen scheinen. An diesem Punkt ist das Buch tatsächlich am schwächsten.

Die Themen: Wissenschaft, Freiheit, Kulturpessimismus

Durch die Themenwahl und ihre Behandlung wird dieses Manko aber gleich wieder ausgeglichen. Ich hab mich ja ein wenig in die Irre führen lassen und am Anfang gedacht, die Geschichte entwickele sich in eine esoterische Richtung. Weit gefehlt. Das ganze ist in meinen Augen sogar eine subtile und gelungene Kritik am Kulturpessimismus. Subtil und gelungen vor allem deshalb, weil er seine Wurzeln durchaus nachvollziehbar begründet. Denn natürlich kann der Mensch dem Menschen schreckliches antun und natürlich führt Raubbau an der Natur nicht unbedingt zur Verbesserung der Umweltbedingungen. Aber konsequent zu Ende gedacht führt ein radikaler Kulturpessimismus zu menschenfeindlichem Handeln. Sehr schön hier auch die Szenen, in denen der hochgebildete Milliardärssohn aus Amerika auf die nordchinesischen Bauern trifft. Der eine leistet sich den Luxus, seltene Baumarten anzupflanzen, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Die anderen holzen sie natürlich wieder ab, um sich ihr hartes Leben etwas zu erleichtern.

Vor allem in der 60er-Jahre-Handlung ist zudem das Thema individuelle Freiheit präsent. Es wird sehr gut aufgezeigt, was es mit einem Menschen macht, wenn diese allzu drastisch eingeschränkt wird – und wie sehr dies die Entwicklung von Wissen und Wissenschaft behindert.

Und Wissenschaft ist natürlich das dominierende Thema. Das (im Original) titelgebende Drei-Körper-Problem dominiert fast den gesamten Roman. Ansonsten wird ausführlich Radioastronomie, SETI, Nanotechnologie, Stringtheorie, Grundlagenforschung im Bereich der Elementarteilchen und noch einiges mehr behandelt. Mit Fug und Recht kann das ganze auch Science Fiction genannt werden, da mit den Sophonen und vermutlich auch mit der Verstärkerfunktion der Sonne (da bin ich mir aber nicht so sicher) die science an etlichen Stellen fiktional weitergedacht wird.

Die Szenarien: Trisolaris, Kulturrevolution und das moderne China

Sowohl die reale als auch die rein fiktionale Welt, in die der Leser eingetaucht wird, haben mir sehr gut gefallen. Trisolaris ist eine wunderbar fremdartige Welt, deren Gesellschaft vielleicht etwas zu oberflächlich beschrieben wird – aber da kommt in den Folgebänden sicher noch was. Sehr faszinierend fand ich aber vor allem die Schilderung des Chinas der 60er Jahre. Das gelang sehr eindringlich und packend. Ebenso interessant – aus meiner westlichen Sicht – wie groß dann doch der Unterschied zum heutigen China ist, wie man es in der Gegenwarts-Ebene beschrieben bekam.

Herausforderung erfüllt?

Das Buch erhält von mir Höchstwertung und ich kann es nur wärmstens empfehlen. Aber hat es auch die gestellte Aufgabe erfüllt? Nicht ganz. Ich fand es schon sehr erfrischend, ein klassisches SF-Szenario aus (fast) rein chinesischer Sicht beschrieben zu sehen. Die Bedinung, dass “der Westen” nur noch eine historische Randnotiz sein soll, erfüllt sich aber nicht. Tatsächlich ist er sogar sehr präsent – auch wenn der NATO-Offiziers-Statist ein wunderbares Pendant zu ähnlichen nicht-westlichen Alibi-Figuren in vergleichbaren US-Filmen ist. Trotzdem ging vieles in die Richtung dessen, was ich lesen wollte. Ich danke der Lesezwinger-Gemeinde ganz herzlich für diese Empfehlung. Den Rest der Trilogie werde ich alsbald nachholen. Doch erst einmal:

Nennt mich Buchbezwinger!

Lesetagebuch: Fraktale Elfen, Dunkle Halunken und Kloppe im Weltall

Kürzlich an- beziehungsweise ausgelesen habe ich: “Fraktal”, den aktuellen “Sillage”-Band, die antiken PR-Bände 650 und 700, “Dunkle Halunken”, Band 1 der “Elfen” und den ersten “Honor Harrington”.

“Fraktal” von Hannu Rajaniemi

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist es schon wieder etwas her, dass ich den zweiten Rajaniemi-Band ausgelesen habe – und wie bei mir so üblich ist die Erinnerung an die Details der Handlung bereits verblasst. Ich erinnere mich aber, die Lektüre sehr genossen zu haben. Diesmal meine ich sogar der teils wirren Handlung besser gefolgt zu sein, als beim ersten Band. Ich mag ja Rajaniemis Art, Begriffe fast nie zu erklären und so zu tun, als stamme der Leser aus derselben abgedrehten Zukunft, die da beschrieben wird. Denn tatsächlich denkt man sich irgendwann rein und taucht in diese Welt ein. Hat natürlich auch den Vorteil, dass er bei der Beschreibung vieler technischer Vorgänge vage bleiben kann – aber in Jetztzeit-Romanen käme ja auch niemand auf die Idee, die genaue Funktionsweise von Mobiltelefonen oder dem Internet zu erklären.

Wie auch immer: Außerdem mag ich die abgedrehte und ohne selbstauferlegte Beschränkungen konsequent weitergedachte Zukunftsvision in “Quantum” und “Fraktal”. Während andere SF-linge ja gern versuchen, die Zukunft zu sehr an heutige Gegebenheiten anzugleichen – oder es gar zum Kern der Handlung machen, dass heutige Zustände wiederhergestellt werden –, hat Rajaniemi keine Scheu, die ganzen transhumanistischen Absurditäten konsequent zu Ende zu denken. Hochgeladene Super-Bewusstseine mit milliardenfachen Backup-Körpern treffen auf synchronisierte Schwarm-Gesellschaften und kämpfen um nichts Geringeres als die Vorherrschaft im Sonnensystem – und den Sieg über die Entropie. Großartig!

“Sillage” #15: “Jagdrevier” von Jean Davin Morvan und Philippe Buchet

Wie ich kürzlich bei Ausgespielt schon mal sagte: Meine Liebe zu dieser Comic-Serie verblasst mehr und mehr. Was mich ungebrochen bei der Stange hält ist der grandiose Zeichenstil. Ich liebe die ligne claire, die hier geradezu perfektioniert wird. Die dargestellten Raumschiffe, Aliens, technische Details und sogar die Klamotten sind derart einfallsreich und detailliert gezeichnet, dass es eine stete Freude ist. Leider lässt es handlungstechnisch immer mehr nach. Die ersten vier, fünf Bände über die Menschenfrau Nävis, die sich – allein auf einer Dschungelwelt aufgewachsen – in einem interstellaren Raumschiffkonvoi zurechtfinden muss, sich dabei zur Superagentin entwickelt und immer mal wieder auf vage Hinweise über den Verbleib der Menschheit trifft, waren noch sehr spannend. Das rebellische Verhalten Nävis’ war erfrischend und der dezent eingeflochtene Metaplot über ihre Suche nach anderen Menschen packend. Höhepunkt von Sillage bleibt in meinen Augen der grandiose Band 3 “Das Räderwerk”, in dem sie zum ersten Mal auf eine Spur der Menschen stößt.

Leider hat sich das alles irgendwie nicht sonderlich weiterentwickelt. Nävis ist immer noch die rebellische Moralapostelin, die gegen die nicht näher definierte Korruption des Staates Sillage ankämpft und der Spur der Menschheit nicht wesentlich weiter folgen konnte. Die Handlung der Einzelhefte bleibt meist schwach – so auch bei der 15, in der sie als Söldnerin für einen bösen Großwildjäger unterwegs ist, dessen hinterhältigem Treiben sie natürlich ein Ende setzt. Einzig der Cliffhanger weiß das Interesse des Lesers wieder etwas zu wecken – scheint es doch den eingeschlafenen Metaplot wieder etwas voran zu bringen.

“Perry Rhodan” #650: “Der Bund der Sieben” von William Voltz & #700: “Aphilie” von Kurt Mahr

Das ist nun schon die zweite Gelegenheit, bei der ich mich frage, was ich früher immer an Willi Voltz gefunden habe. Die erste Gelegenheit war die Lektüre der ersten zweieinhalb Atlan-Hefte, wobei mir Nr. eins und Nr. zwei von K.H. Scheer überraschend gut gefallen haben – wogegen die Nr. drei von Voltz dermaßen abgefallen ist, dass ich ihn nach wenigen Seiten weggelegt hatte. Der Vergleich der Hefte 650 und 700 (von 1974 bzw. 1975) präsentiert mir meinen einstigen Lieblings-PR-Autor nun erneut als relativ schwachbrüstig. Der Auftakt zum Konzils-Zyklus aus seiner Feder hat kaum echte SF-Elemente (von social fiction ganz zu schweigen), die Hauptfiguren handeln unglaublich dämlich (Einfach mal die komplette Führungsriege der Unsterblichen mit den übermächtigen Eroberern mitfliegen lassen? Na klar!) und selbst das Voltz-Special, die extrem fremdartige außerirdische Xisrapin kommt sehr blass daher.

Im direkten Vergleich ist der 700er von Kurt Mahr (man kann sich die Jubibände dank der Leseprobe-Funktion bei Amazon ja für lau aufs Kindle ziehen) zumindest auf den ersten Seiten um Welten spannender und SF-iger. Mit der Aphilie wagte man bei PR damals nämlich durchaus eine einschneidende Veränderung. Auf Erden herrscht in diesem Zyklus eine finstere lieblose Diktatur, die zwar stark an 1984, Fahrenheit 451 & Co. erinnert – aber eine erfrischende Abwechslung vom PR-Einerlei darstellt. Das religiöse Gequatsche nervt allerdings ein wenig.

“Dunkle Halunken” von Terry Pratchett

Hier stehe ich gerade am Anfang. “Dunkle Halunken” ist das zweite neuere Buch aus des Meisters Feder, das nicht auf der Scheibenwelt spielt. Im Gegensatz zu “Eine Insel” kann einem diese Tatsache im Laufe des Lesens aber immer mal wieder entfallen. Schauplatz der Handlung ist nämlich das victorianische London, das bekanntlich die kaum verhohlene Vorlage von Ankh-Morpork ist. Daher kostet es den scheibenwelterprobten Leser etwas Mühe, sich zu vergegenwärtigen, dass der zähflüssige Fluss, der da gerade beschrieben wird, nicht der Ankh, sondern die Themse sein soll. Zählflüssig gestaltet sich leider auch mein Lesefluss. Trotz vieler netter Ideen und dem gewohnt präzisen Blick für das soziale Umfeld, kommt die Handlung nicht in die Gänge. Der (im Original auch titelgebende) Held namens Dodger ist ein “Tosher”. Diese verdienen sich ihren Lebensunterhalt damit, dass sie die Kanalisation unterhalb Londons nach Brauchbarem durchsuchen, das sie verkaufen können. Damit lebt Dodger natürlich am unteren Rand der Gesellschaft – und kommt, als er eine junge offenbar adelige Frau vor üblen Peinigern rettet, unverhofft mit etwas höheren Schichten in Kontakt. Das ist durchaus kurzweilig beschrieben – wie man es von Pratchett gewohnt ist. Aber so richtig gepackt hat es mich bislang nicht – und das bin ich von Pratchett nun gar nicht gewohnt.

“Elfen” #1: “Der Kristall der Blauelfen” von Jean-Luc Istin und Kyko Duarte

Nachdem ich mit großer Begeisterung die Gratis-Comic-Tag-Ausgabe des dritten Elfen-Bandes gelesen hatte, stand der Entschluss fest: Die Serie muss ich komplett haben. So erwarb ich also die “Blauelfen” und begann sogleich zu schmökern. Um es gleich zu sagen: So dolle wie der dritte war der erste Band dann doch nicht. Klar, es ist eine bewusst klassische Fantasywelt – aber die Handlung ist mir dann doch ein wenig zu stark an tolkienschen Vorlagen orientiert. Letztlich geht es um ein uraltes gefährliches Artefakt und einen Erzschurken aus ferner Vergangenheit, die beide Ärger machen. Dennoch: Das alles ist sehr schick gezeichnet und hat nette Ideen – vor allem die Darstellung der Orks gefällt mir. Da die Reihe mit sechs Bänden abgeschlossen ist, werde ich ihr mit Sicherheit weiter treu bleiben. Und wer weiß: die Chancen, dass die restlichen Bände wieder so gut sind wie Band drei, sind durchaus gegeben.

“Honor Harrington” #1: “On Basilisk Station” von David Weber

Hierzu hab ich ehrlich gesagt nicht so viel zu sagen. Den ersten Band des Military-SF-Klassikers “On Basilisk Station” gab’s im englischen Original unlängst für lau aufs Kindle. Über die ersten anderthalb Kapitel bin ich bislang nicht hinausgekommen. Ist glaub ich nicht so meins.

Lesetagebuch: Atlan, Hexer, Ankh-Morpork, Injustice

Ich erfreue mich also an hervorragender Fantasy, klassischem SF-Pulp und einer herrlich konsequenten Superhelden-Vision.

Mich gelüstet danach, meine Rubrik “Lesetagebuch” wieder aufleben zu lassen – wenn möglich gar mit einer gewissen Regelmäßigkeit – und allwöchentlich (?) über meinen aktuellen Lesestoff zu plaudern. Dabei werde ich aller Voraussicht nach meinen schleichenden Wechsel zum rein elektronischen Lesen sowohl bei Comics als auch bei Geschriebenem dokumentieren. Denn ComiXology und eBooks sind die unabwendbare Zukunft – daran werden auch Gratis-Comic-Tage und Buchpreisbindungen nichts ändern.

Ehe ich also zu meinem konkreten Lesestoff komme, ein kleines Loblied auf das elektronische Lesen:

Comics lesen 2.0 – ComiXology

Schon länger bin ich sehr von den Möglichkeiten der App ComiXology begeistert. Ich hätte vorher nie gedacht, dass das Comiclesen auf so großartige Art und Weise ins digitale übertragen werden kann. Und zwar dermaßen großartig, dass es fast besser als die klassische Papierversion ist. Wer es noch nicht kennt, schaue es sich selbst mal an. Am besten genießt man das natürlich auf einem Tablet. Aber man staunt, wie klasse man sogar auf einem kleinen Smartphone-Bildschirm damit Bildergeschichten lesen kann. Probiert es aus! Ich beschränke mich hier bislang auf den Genuss von englischsprachigen Superhelden-Comics im Heftchen-Format – sobald sich die deutschen Verlage wie Panini, Carlsen, Ehapa und Co. mal ein Herz fassen und (wie bereits spanische und französische Verlage) bei ComiXology mitmachen, könnte ich mir auch durchaus vorstellen, damit große Comicalben zu lesen.

eBooks, Kindle und der Untergang des Abendlandes

Seit Dezember bin ich zudem stolzer Besitzer eines Kindle Paperwhite. Auch hier war ich selbst schnell überrascht, wie viel besser mir das Lesen mit diesem Gerät gefällt, als mit einem klassischen Buch. Aus Gründen habe ich auch hier zunächst mit Heftchen angefangen – und es wird auch noch eine ganze Weile dauern, bis ich meinen SuB aus physischen Büchern abgetragen habe. Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass ich von nun an kein papierenes Buch mehr kaufen werde. Ja, damit werde ich dem Sterben der Verlage, Druckereien und Buchhändler im Speziellen und dem Untergang des Abendlandes im Allgemeinen Vortrieb leisten – aber da mussten die Bücher per Hand kopierenden Mönche nach Gutenberg auch durch.

Atlan – SF-Heftroman-Klassiker von 1969

Aber nun zu meinem aktuellen Lesestoff: Normalerweise müsste ich die folgenden Sätze mal wieder mit der Erklärung einleiten, dass ich Perry Rhodan ja schon lange nicht mehr lese und nichts mehr damit am Hut habe. Ich glaube, das kann ich mir fürderhin klemmen, da ich ja eh nicht davon los komme. Wie auch immer. Bei VPM (Perry Rhodans Verlags-Heimat) hat man schon sehr früh die Zeichen der Zeit erkannt und auf das elektronische Buch gesetzt. Sehr clever auch, dass man bald daran ging, nicht nur die neuen Sachen als eBook herauszubringen – sondern auch das klassische Material seit 1961. Was man bis vor einigen Jahren noch auf Flohmärkten, bei Antiquariaten oder eBay zusammenklauben musste, gibt’s jetzt in Paketen a 50 Hefte für schmales Geld digital auf den Reader – Geld, das jetzt, 40/50 Jahre später, wieder zum Verlag fließt. Clever! Schön auch, dass die kostenlosen Leseproben bei Amazon stets die ersten zweieinhalb Hefte eines solchen 50er-Blocks enthalten.

Meine erste Wahl fiel auf die Perry-Rhodan-Spin-Off-Serie “Atlan – Im Auftrag der Menschheit” von 1969. Die Hefte hatte ich auch in meiner intensiven Fan-Zeit nie gelesen und dacht, ich schau mal rein. Und ich muss sagen, ich bin schwer begeistert. Die ersten beiden Hefte aus der Feder von Urgestein K. H. Scheer sind sehr solide Retro-SF im Gewande eines spannenden Agenten-Romans. Hätte ich nicht gedacht. Streckenweise steckt darin mehr SF als in den aktuelleren RhodanErzeugnissen. Falls sich Band drei ebenfalls als derart gut herausstellen sollte, werde ich mir das Paket wohl zulegen.

Das Erbe der Elfen (Geralt, der Hexer) – Fantasy, wie sie sein muss

Bereits in den 90er Jahren schrieb Andrzej Sapkowski seine großartigen Hexer-Geschichten. Erst vor einem Jahr habe ich die beiden Kurzgeschichtenbände “Der letzte Wunsch” und “Das Schwert der Vorsehung” verschlungen. Den zahlreichen Vorschusslorbeeren, die diese Bücher aus meinem Bekanntenkreis erhalten hatte, wurden sie vollauf gerecht. Ich kann das gar nicht an einzelnen Dingen festmachen. Sapkowski beschreibt eine sehr schlüssige, fesselnde und irgendwie “realistische” Fantasywelt und siedelt darin sehr intelligente und spannende Geschichten an, die nicht selten bekannte Märchenmotive aufgreifen. Ein bisschen wie ein “ernster Terry Pratchett” – auch wenn der Vergleich an vielen Stellen hinkt und Sapkowski durchaus auch viel Humor in die Geschichten einbringt. Momentan stecke ich mitten im ersten durchgehenden Roman “Das Erbe der Elfen”, dessen Grundthema die Verdrängung der “alten Völker” durch die Menschen ist. Klingt vielleicht ein bisschen ausgelutscht – ist hier aber grandios umgesetzt.

Unterwegs auf den Straßen von Ankh-Morpork

Ich bin bekanntermaßen ein großer Freund der Scheibenwelt – und ich meine jetzt ausdrücklich die Welt, die Pratchett in seinen Romanen beschreibt und nicht die Romane selbst. Die mag ich auch, aber ich lese sie hauptsächlich deswegen so gern, weil ich mit ihnen eben in diese Welt eintauchen kann. Das mag der Grund sein, warum ich “Sekundärliteratur” zur Scheibenwelt immer sehr schätze. Entsprechend groß war die Freude, als ich auf meinem weihnachtlichen Gabentisch den Ankh-Morpork-Stadtführer fand. Neben einer riesigen Karte der größten Stadt der Scheibenwelt enthält er zahlreiche detaillierte Informationen über die fiktive Metropole. Damit reiht sich der Band ganz gut in die ebenfalls von mir hochgeschätzten Scheibenwelt-Kalender ein – und könnte hervorragend als Hintergrundmaterial für jede Rollenspielrunde auf dem Rücken der Schildkröte dienen.

Injustice – Superman dreht durch

In Sachen Superhelden bin ich ja tendentiell mehr so der Marvel-Freund. Im Zuge der New52-Schose habe ich mich zwar etwas intensiver bei DC eingelesen und etliches für gut befunden – bin aber letztlich nicht hängen geblieben. DC und vor allem ihren blassen Haupthelden Superman schätze ich aber immer dann besonders, wenn die üblichen Gleise verlassen und die Geschichten mal etwas radikaler, konsequenter und ohne irgendwelche Restriktionen erzählt werden. Schöne Beispiele sind da immer die “Rückkehr des Dunklen Ritters” und “Genosse Superman”. In eine ähnliche Richtung geht die relativ neue Reihe “Injustice”, die eigentlich auf dem gleichnamigen Computerspiel basiert, bei dem sich die DC-Helden gegenseitig verkloppen. Die Grundidee ist, dass der Joker sein Meisterstück abliefert und Superman selbst dermaßen auf die Palme bringt, dass er zuerst den Joker killt und sich dann daran macht, alles Übel vom Antlitz der Erde zu entfernen. Konsequent! Band eins dieser Reihe bietet (oder bot?) ComiXology für lau zum Download an. Ich konnte letzte Woche nicht anders, als nach und nach auch die zehn folgenden Bände käuflich zu erwerben. Für ca. 70 cent hat man ein Heftchen schließlich rubbeldiekatz runtergeladen. Vieles erinnert natürlich stark an “Genosse Superman” – ich finde es aber spannend genug, dass ich erst einmal dabeibleiben werde.

Das, liebes Lesetagebuch, waren meine Gedanken zum aktuellen Lesestoff.

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