Lesetagebuch: Der Club der unsichtbaren Gelehrten

Das wird jetzt schwer. Ich muss (bzw. möchte – ich muss hier gar nix) über einen Scheibenwelt-Roman schreiben – und kann ihn nicht in den Himmel loben.

Das neueste Werk aus Terry Pratchetts Feder Der Club der unsichtbaren Gelehrten finde ich nämlich nur so mittel.

Man verstehe mich nicht falsch! Es ist immer noch ein Scheibenwelt-Roman, er ist immer noch gut aber … hach ich weiß auch nicht.

Vielleicht erst mal kurz zum Inhalt: Der Fußball ist in Ankh-Morpork angekommen. Naja, eigentlich war er natürlich schon immer da, aber er gerät nun in den Fokus der Mächtigen und Wichtigen in der größten Stadt der Scheibenwelt.

War Fußball bisher nur ein Vergnügen für das einfache Volk, interessieren sich nun auf einmal die Zauberer der Unsichtbaren Universität (UU) dafür. Aus gewissen Gründen sehen sie sich gezwungen, selbst eine Mannschaft aufzustellen.

Da trifft es sich gut, dass der Patrizier der Stadt – bislang ein ausgesprochener Gegner dieses Sports – plant, auch dieses „Monster“ zu zähmen. War Fußball in Ankh-Morpork bis dato eine nahezu regellose Rauferei, die in letzter Zeit fast zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen auf den Straßen geführt hat, soll es nun mit einem strengen Regelwerk und einer Liga zivilisiert werden.

Soweit der Hauptplot, der selbstredend die Entwicklung des englischen Fußballs in der realen Welt wiedergibt und persifliert.

Nun bin ich schon mal nicht sooo der Fußballfan – streng genommen überhaupt nicht. Dennoch seh ich darin nicht den Grund, weswegen mich das Buch nicht so begeistert. Denn auch wenn mich das Thema grundsätzlich weniger reizt, habe ich an einer Pratchett’schen Umsetzung natürlich großes Interesse.

Erwähnenswert sind noch zwei Nebenplots.

Zum einen gibt es da die kleine Aschenputtel-Story über ein schönes Mädchen aus dem einfachen Volk, das zum Model für Zwergenmode wird. Diese Nebenhandlung ist tatsächlich etwas schlicht. Aber ein schwacher Nebenplot allein reicht auch nicht aus, um ein Buch nicht gut – oder nicht großartig zu finden.

Zum anderen ist da Nutt …

An dieser Stelle ist wohl eine kleine SPOILERWARNUNG angebracht …

Wer den Roman also noch nicht gelesen hat und sich eine bestimmte Überraschung nicht verderben will, möge den folgenden Absatz überspringen.

Vetinari hat in Absprache mit den Zauberern ein Wesen namens Nutt in die UU eingeschleust. Es verrichtet dort eine äußerst niedere Arbeit, stellt sich jedoch schnell als sehr gebildet und begabt heraus. Es wird die ganze Zeit als Goblin bezeichnet, bis sich gegen Ende herausstellt, dass Nutt etwas ganz anderes ist …

Gut, ich verrate es mal nicht – die Spoilerwarnung lasse ich dennoch bestehen.

Der Plot ist mit am interessantesten, werden doch scheibenwelt-historische Angaben über ein „Finsteres Reich“ in „Fern-Überwald“ angedeutet. Die Scheibenwelt hatte also auch ihr Mordor …

Dennoch will auch dieser Handlungsstrang nicht so recht zünden.

Das Gefühl zog sich beim Lesen durch das gesamte Buch: Es zündet nicht.

Bei allen anderen Scheibenwelt-Romanen bin ich immer regelrecht in die Welt eingetaucht. Nachdem ich ein Buch ausgelesen hatte, konnte ich mich fast wie nach dem Erwachen aus einem Traum bald kaum mehr an Einzelheiten der Handlung erinnern. Es blieb stets das wohlige Gefühl zurück, an einem interessanten fiktiven Ort gewesen zu sein.

Klingt pathetisch – ist aber so.

Naja, und dieses Gefühl blieb diesmal irgendwie aus.

Es waren ja einige nette Ideen dabei. Aber vieles wirkte zu bemüht. Einige Charaktere – allen voran Vetinari – wollte ich nicht mehr so recht wiedererkennen.

Naja … jeder kann mal einen schlechten Tag haben. Ich freu mich auf jeden Fall auf den nächsten Roman – wieder mit Tiffany Weh.

4 Gedanken zu „Lesetagebuch: Der Club der unsichtbaren Gelehrten“

  1. Dass ich jemals jemanden vom Kauf eines Scheibenwelt-Romans abhalten würde, hätte ich mir auch nie träumen lassen …
    Über den Einfluss des neuen Übersetzers hatte ich auch schon nachgedacht. Aber ich fürchte, daran liegts tatsächlich nicht. Mir ist auch nur an einer Stelle aufgefallen, dass er einen Begriff anders – bzw. gar nicht – übersetzt.
    Nein, ich denke, Jens hat da vollauf recht: Des Übels (wobei „Übel“ eine leichte Übertreibung ist) Wurzel liegt bereits im Originaltext …

  2. Mahlzeit.

    Ich lese gerade das englische Orginal bzw. hab es jetzt erst mal zur Seite gelegt. Kann nur bestätigen was Schreiberling schreibt, es zündet nicht.
    Die Streitereien zwischen den Zauberern, der Bibliothekar, alles wirkt so routiniert und ohne Überraschung.
    Werde es mit Sicherheit weiter lesen, aber nicht gleich.

    P.S. Ich mag Fußball, darin liegt es also zumindest bei mir nicht.

  3. Mein Kumpel Marc, der in etwa so viel am Tag liest, wie ich schreibe [sic], hat gesagt: „Lass bloß die Hände von der Übersetzung. Der neue Übersetzer ist Scheiße und killt den ganzen Pratchett-Witz!“
    Vielleicht liegt es daran, dass das Buch für Dich nicht durchstartet.

  4. Heh, stand heute zum dritten Mal vor dem Buch im Laden und habe hin- und herüberlegt – kaufen, nicht kaufen?
    Zum einen dachte ich mir: Warte noch ein Weilchen, dann sinkt auch der Preis.
    Außerdem: Fußball? Nuja.
    Drittens: Anderer Übersetzer, denn gewohnt. Argwohn.
    Nachdem ich nun deinen kleinen Bericht gelesen, werde ich wohl tatsächlich noch ein Weilchen warten, ehe ich das Buch kaufe … und wühle mich derweil durch die Klassiker.^^

    Es grüßt
    das Rueken

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