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Lesetagebuch: Roland, Ritter Ungestüm

Ich bin gerade wieder zehn Jahre alt. Schon vor fünf Jahren hat Crosscult eine der Lieblings-Comic-Reihen meiner Kindheit in einer schmucken Sammlerausgabe neu herausgebracht. Nun hab ich mir diese endlich mal zugelegt – und schwelge nun in nostalgischer Verzückung. Doch nicht nur das.

Ich bin gerade wieder zehn Jahre alt. Schon vor fünf Jahren hat Crosscult eine der Lieblings-Comic-Reihen meiner Kindheit in einer schmucken Sammlerausgabe neu herausgebracht. Nun hab ich mir diese endlich mal zugelegt – und schwelge nun in nostalgischer Verzückung. Doch nicht nur das.

Zeitlos großartig

Es dürfte gut 20 Jahre her sein, seit ich das letzte Mal in den Abenteuern des ungestümen Ritters geschmökert habe (damals noch in den deutschen „Original“-Alben vom Carlsen Verlag – sind leider alle verschütt gegangen). Deswegen hätte es mich nicht gewundert, wenn meine jugendliche Begeisterung von einst mittlerweile etwas abgeklungen wäre. Doch dem war nicht so. Ich bin erneut sehr angetan von den spannenden Geschichten und den großartigen Zeichnungen, die auch ältere Leser in diesen Tagen zu packen wissen. Zumal ich damals nur die ersten acht, neun Hefte besaß und die zweite Hälfte dieses mittelalterlichen Epos gerade erst entdecke.

Historischer Roland?

Es ist natürlich naheliegend, wieso meine Eltern mir in den frühen 80ern die Abenteuer dieses jungen Ritters schenkten. Wobei er im franko-belgischen Original überhaupt nicht Roland heißt. Dort ist er der Chevalier Ardent, was wörtlich wohl ungefähr „feuriger Ritter“ bedeutet und in der deutschen Übersetzung in den Untertitel „Ritter Ungestüm“ übertragen wurde („ungestüm“ – schönes Wort!). Dabei ist Ardent aber wohl auch sein tatsächlicher Name. Ardent du Walbourgh, aus dem dann (vermutlich zunächst im flämisch/niederländischen und erst dann im deutschen) Roland von Walburg wurde. Daher hat dieser Roland auch nicht das geringste mit dem Paladin Karls des Großen zu tun – und auch sonst weist diese Serie keinen historischen Bezug auf. Das ist aber auch nicht ihr Anspruch.

Idealisiertes Mittelalter

Autor und Zeichner François Craenhals hatte sich ganz bewusst dazu entschieden, ein idealisiertes Mittelalter darzustellen, das so gut wie gar keinen Bezug zu historischen Ereignissen oder Personen aufweist. Da heißt der König des Reiches, aus dem Roland stammt und das irgendwo auf dem Gebiet des heutigen Frankreich liegt, einfach mal Artus. Spätere Andeutungen (Papstnamen, Schisma mit der Ostkirche etc.) lassen dann zwar doch eine grobe Einordnung ins 11. Jahrhundert zu – aber auch das darf man nicht allzu ernst nehmen. Autor und Leser gleichermaßen sind somit frei davon, ständig die historische Accuratesse überprüfen zu müssen und können einfach die spannenden Geschichten genießen.

Ritter Roland
Auch der Buchrücken weiß zu entzücken.

Das Beste vieler Welten

Damit nimmt sich Ritter Roland natürlich ganz offensichtlich einen gewissen Prinz Eisenherz zum Vorbild, woraus auch nie ein Hehl gemacht wurde. Craenhals verbindet dies aber mit einem sehr „belgischen“ Zeichenstil, der von der linie claire beeinflusst ist und sehr detailliert und gleichzeitig dynamisch daherkommt. Ob in Kampfszenen oder einfach Dialogen: Die Charaktere springen einen geradezu an. Nicht ein Panel gerät dadurch langweilig. Überhaupt gelingt es Craenhals in jedem Album große und teils komplexe Handlungsbögen sehr schnell und extrem kurzweilig zu erzählen. Schließlich ist Roland ein sehr rebellischer Held, dessen Haupt-Widersacher weniger die Schwarzen Prinzen, heidnischen Priester oder germanischen Fürsten sind – denn sein eigener König.

Roter Faden – quer durch Europa

Die zahlreichen Abenteuer, die den Helden oft kreuz und quer durch Europa führen (weswegen der Gesamtausgabe auch eine sehr schöne Karte beiligt), überspannt ein roter Faden, der den Konflikt mit dem Lehnsherrn und König behandelt. Denn natürlich verlieben sich gleich zu Beginn die Königstochter und Roland ineinander – und natürlich verspürt Artus wenig Lust, seine Tochter an einen Kleinadeligen zu verheiraten, der oft unbedacht in Abenteuer aufbricht und sich dann monatelang nicht blicken lässt – selbst wenn er sich durchaus schon oft als große Stütze des Reichs erwiesen hat. Entlang dieses roten Fadens reift der anfängliche Jungritter und wird älter und weniger ungestüm. Die Einzelabenteuer verbinden sich somit zu einem Epos in dessen Mitte ich gerade ungefähr stecke und auf dessen Ende ich sehr gespannt bin.

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