Bingetagebuch: Star Trek Picard

Veröffentlicht von Herr Kowski am
Bingetagebuch: Star Trek Picard

Viel mehr Tasten braucht eine Fernbedienung eigentlich gar nicht mehr.

Auch wenn ich mich schon mehrfach dazu geäußert habe, formuliere ich mit etwas Abstand hiermit ein paar versöhnliche Gedanken zur ersten Picard-Staffel.

Als alter Star-Trek-Fan und Angehöriger der Generation, für die TNG die prägendste der Trek-Serien1 ist, habe ich mich mit recht hohen Erwartungen auf Star Trek: Picard gefreut. Die ersten Trailer haben diese Erwartungshaltung durchaus befeuert.

Entsprechend haben Robert und ich in unserer letzten Podcast-Sendung vor Serienstart2 einiges an Vorfreude bekundet und begründet.

Eskapedia Episode 6 – Vorfreude auf Star Trek: Picard

Erstens kommt es anders …

Dass diese Erwartungen nicht vollständig erfüllt wurden, habe ich inzwischen mehrfach ausführlich dargelegt. Da ich bei diesen Gelegenheiten schonungslos gespoilert habe, zunächst einmal die obligatorische

WARNUNG VOR DEM SPOILER!

Um die ersten Lockdown-Wochen etwas kurzweiliger zu gestalten, hat der gute Andres im März Zusammengebaut Late Night ins Leben gerufen. Im Rahmen dieser munteren Sendung hatte ich erstmals Gelegenheit, gemeinsam mit ein paar Gleichgesinnten an der Serie herumzumäkeln.

In unserer aktuellen Podcast-Episode verfeinern Robert und ich unsere stets konstruktive Kritik noch etwas und kleiden sie ganz selbstbewusst in zwei mal fünf Vorschläge, mit der die Serie noch besser geworden wäre.

Eskapedia Episode 7 – Verbesserungsvorschläge für Star Trek: Picard

… und zweitens als man denkt

Nun haben wir bei allem Gemecker stets betont, dass es auf hohem Niveau erfolgt. Und es gehört im Star-Trek-Fandom durchaus zum guten Ton, am Objekt seiner Leidenschaft herumzukriteln. Schließlich wurde bislang jeder Trek-Serie eine nicht 100%ig perfekte erste Staffel zugestanden.3 Selbstverständlich wird auch Star Trek: Picard dieses Privileg zuteil.

Um zu einem versöhnlichen Abschluss zu kommen und damit wir alle mit wohliger Vorfreude Staffel zwei entgegenfiebern können, liste ich im Folgenden die vier Dinge4 auf, die mir an der ersten Staffel Star Trek: Picard am Besten gefallen haben.

TopVier: Picard Staffel 1

1. Die Troi-Riker-Folge

Selbstverständlich die Troi-Riker-Folge! Nepenthe ist neben den beiden Auftakt-Folgen ein Höhepunkt der Serie. In der ansonsten tendentiell verkorksten Gesamt-Dramaturgie der Staffel stellt sie ein gelungenes retardierendes Moment dar, in dem sich gleichzeitig auf angenehme Weise die erforderliche TNG-Nostalgie konzentriert. Sie ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie man die Erzählweise an das geringe Budget, das die Serie offenbar hatte, anpassen kann – und das mit sehr gutem Ergebnis. Hier funktionieren von Anfang an alle Charaktere, allen voran ausdrücklich die „Neue“ Kestra und ihre Beziehung zu Soji.

2. Laris und Zhaban

Die gelungensten (neuen) Charaktere der ganzen Serie waren für mich mit Abstand Laris und Zhaban. Die beiden romulanischen Ex-Geheimagenten, die für Picard den Haushalt auf seinem Weingut führen, sind für mich als die perfekten neuen „Familienmitglieder“ des einstigen Captains eingeführt worden. Auch ohne Kenntnis des Prequel-Comics5 hat man den beiden sofort ihre enge Verbindung zu Picard abgenommen. Auch die subtile Chemie der beiden Ehepartner untereinander fand ich sehr witzig. Kurzum: zwei Charaktere mit sehr viel Potential! Umso trauriger, dass die beiden nach zwei Folgen komplett aus der Serie gestrichen wurden. Ich hoffe inständig, dass sie in der zweiten Staffel eine bedeutendere und dauerhafte Rolle spielen.

3. Die Verbindung zu Discovery

Ich gebe es freiheraus zu: Ich mag Star Trek: Discovery.6 Um meine Mindermeinung noch deutlicher herauszustellen: Mir gefiel auch der Fokus auf das KI-Thema in der zweiten Staffel. Bereits dies ist eine deutliche Parallele zur ersten Picard-Staffel. Die Visualisierung der Prophezeiung über die KI-Apokalypse und die tentakelzappelnden intergalaktischen Super-KIs7 sind streckenweise bildgleich mit Spocks Zukunftsvision von Controls Terrorherrschaft. Auch wenn hier mein Wunsch der Vater des Gedanken sein mag und schlicht eine budgetbedingte Zweitverwertung8 des Bildmaterials vorliegt, will ich diese offensichtlichen Parallelen so deuten, dass Control irgendetwas mit dem intergalaktischen KI-Bund zu tun hat. Und sowohl die 900 Jahre in die Zukunft versetzte Crew der Discovery als auch Androiden-Picard und seine Trümmertruppe9 werden damit noch zu tun bekommen. Und es wird weitere Querverweise geben. Und das gefällt mir.

4. Die Zukunft geht weiter

Schlussendlich finde ich es ganz wunderbar, dass die Geschichte des Star-Trek-Universums wieder an der Stelle weitergeht, an der wir es verlassen haben. Das Dominion ist besiegt, die Voyager ist wieder zu Hause, das Romulanische Imperium ist nach der Supernova zerfallen – aber was passierte danach? Auf diese Frage haben wir endlich eine Antwort erhalten. Zumindest wurde uns diese Antwort in Aussicht gestellt. Dabei geht es mir nicht primär10 darum, zu erfahren, was aus dieser oder jener einstmals liebgewonnenen Figur geworden ist, sondern vielmehr darum, wer die neuen Heldinnen und Helden sind und mit welchen neuen Herausforderungen, kosmischen Wundern, fremdartigen Völkern, Freunden, Feinden und Gefahren sie sich auseinandersetzen müssen. Für diesen Zweck stellt die erste Picard-Staffel sicherlich nur wenig mehr als ein Bindeglied dar. Aber das gelingt ihr bereits sehr gut – und mir gefällt, was ich bislang gesehen habe. Die Utopie der Föderation war schon immer fragil und musste von den Heldinnen und Helden gegen Gefahren von innen wie von außen verteidigt werden. Insofern ist eine Föderation, die durch einen furchtbaren Angriff direkt vor der eigenen Haustür11 erschüttert wurde, durchaus ein interessantes Szenario. Gleiches gilt für das Wildwest-Gebiet, das sich in der ehemaligen Neutralen Zone und den Trümmern des Romulanischen Imperiums gebildet hat. Natürlich interessiert es mich, wie es mit Robo-Picard weitergeht. Möge er noch etliche seiner einstigen Gefährten treffen und dabei den ein oder anderen Planeten retten. Aber wenn aus diesem neu aufgeschlagenen Trek-Kapitel ein neues Raumschiff12 mit neuer Crew entspringen sollte … Es wäre mir ein Fest.

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  1. Die beste Trek-Serie ist natürlich DS9. Dennoch wird meine Enterprise immer die D sein und mein Captain immer Picard. []
  2. die schon jetzt legendäre Subraumnachrichten-Sendung []
  3. DS9 hatte das natürlich nicht nötig. Hier waren alle Staffeln perfekt. []
  4. Hm. Gute Idee für ein innovatives neues Blog-Format. Aber wie soll ich es nennen? „Die vorzüglichen Vier“? „Die besten Vier“? Oder kurz und knapp „Top4“? Da kommt jedenfalls was auf euch zu. []
  5. der ehrlich gesagt nur mäßig gut beziehungsweise relevant ist []
  6. Ich bin aber auch der einzige lebende ENT-Fan, was mein Urteil vielleicht etwas einordnet. []
  7. die zugegebenermaßen übertrieben pulpig daherkommen []
  8. Was durchaus Tradition bei Star Trek hat. Wir erinnern uns an die identische Kamerafahrt entlang der Enterprise in den ersten beiden Kinofilmen. []
  9. Es wird definitiv noch eine Weile dauern, ehe ich mit dieser Crew warm werde. []
  10. aber durchaus auch []
  11. „Der Mars brennt immer noch!“ []
  12. Gerne die Enterprise F – muss aber nicht. []