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dies und das

Früher war mehr Twitter

Es ist vorbei. Endgültig. Twitter ist Geschichte – für mich zumindest. Die Suche nach adäquatem Ersatz läuft unverdrossen weiter.

Im Februar hätte ich mein 15-jähriges Twitter-Jubiläum feiern können – wenn es denn da noch etwas zu feiern gegeben hätte. Hat es aber nicht. Aus Gründen. Daher hat der Leidensweg nun ein Ende, gestern Abend habe ich meinen Account, den ich einst unter dem Handle @nerdlicht angelegt hatte, endgültig gelöscht. Sollen Space Karen und seine Blauhakenbande schön unter sich bleiben. Manetti ist raus!1

Was fehlt

Ich bin nie müde geworden zu betonen, dass Twitter stets mein liebstes Soziales Medium war. Deswegen habe ich mich mit dem Abschied auch so schwergetan und ihn arg in die Länge gezogen. Das, was diese Plattform einst mal besser, mal schlechter geleistet hat, fehlt mir nun schon ein wenig. Wie keine andere hat sie zu ihren besten Zeiten drei Funktionen in sich vereint:

  • Ein gut nutzbarer Nachrichtenticker, nicht nur für die klassischen Medien, sondern auch für sehr lokale Informationen wie aktuelle ÖPNV-Störungsmeldungen oder für Special-Interest-Meldungen wie Programmhinweise von Fantastik-Verlagen oder Neuigkeiten der diversen Raumfahrtagenturen.
  • Eine heimelige Plauderecke, in der man sich mit gut kuratierter Timeline und Followerschaft mit Gleichgesinnten über seine bevorzugten Hobbies und Interessen austauschen und neue Leute kennenlernen kann.
  • Ein bescheidener Reichweitenbooster für das eigene kreative Zeugs.

All diese Dinge kann Twitter spätestens seit seiner Umbenennung nicht mehr leisten, zumal es dort immer unappetitlicher geworden ist. Wo aber fände man Ersatz?

Mastodon, BlueSky, Threads – oder nichts von alledem

Genau wie alle anderen X-Borg habe ich hoffnungsvoll nach einem Ersatz gesucht, zunächst bei Mastodon, dann bei BlueSky und schließlich bei Threads.2

Tja. Was soll ich sagen? Doll ist das alles nicht. Kiki hat das Wesentliche dazu gewohnt gekonnt in Worte gefasst, auch wenn ich ihre deutliche Präferenz zu Mastodon – noch – nicht ganz teilen kann. Matthias Schwarzer beschreibt beim Redaktionsnetzwerk Deutschland seine ersten Gehversuche mit Threads und spricht mir damit weitgehend aus der Seele. Was für eine Enttäuschung!

Threads ist allein aus technischen Gründen raus. Wie von den beiden Verlinkten beschrieben ist die Timeline komplett unbrauchbar.3 Zu allem Übel möchte diese Plattform ganz ausdrücklich kein Nachrichtenticker sein. Da habe ich mir deutlich mehr erwartet.

Bei Mastodon und BlueSky bin ich mir noch nicht ganz einig, wer von beiden am Ende die Nase vorn haben könnte. Rein technologisch liegt Mastodon in vielen Dingen noch vorn: streng chronologische Timeline, Hashtags, Gifs, editierbare Posts, die Möglichkeit, bei einzelnen Accounts die Reposts auszublenden. Da fällt die fehlende Zitierfunktion nicht allzusehr ins Gewicht – aber vielleicht kommt die ja irgendwann einmal.

Bei BlueSky gibt’s diese Zitierfunktion immerhin, dafür kann man Reposts nur pauschal deaktivieren und auf Gifs, Hashtags und editierbare Posts warten wir noch immer. Allerdings befindet sich diese Plattform noch immer tief in der Beta-Phase – und wer weiß, was da noch kommen mag.4

Ginge es nur um die heimelige Plauderecke wäre Mastodon definitiv der Favorit. Für die beiden anderen Funktionen bräuchte es aber eine deutlich größere – wie soll ich es nennen? – gesellschaftliche Akzeptanz und Relevanz. Ja, die Tagesschau und die Hochbahn sind inzwischen bei Mastodon, erstere haben dort aber keinen Eilmeldungs-Account und letztere bringen auf ihrem Account – bislang – keine aktuellen Störungsmeldungen, weswegen beide für mich unbrauchbar sind.

Das gilt für BlueSky natürlich in noch höherem Maße, dort sind die beiden beispielhaft genannten Player offiziell gar nicht vertreten. Allerdings besteht auch hier das Potenzial, dass da noch was kommt.

Ich könnte zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorhersagen, wo ich mich mittel- bis langfristig wohler fühlen werde. Daher bleibe ich – auch wenn ich Crossposting ziemlich dämlich finde – einstweilen bei beiden präsent.

Tempi passati

Aber womöglich ist die Ära des Microbloggings auch einfach vorüber und das von mir geschilderte Anwendungsprofil ist gar nicht mehr gefragt. Denn wo gäbe es denn überhaupt noch einen vernünftigen individuell zusammenstellbaren bequemen Nachrichtenticker? Selbst die ÖR-Medien bringen in ihren Messenger-Kanälen eher aufmerksamkeitsheischende Clickbaitposts anstelle knapper Nachrichten. Ja, ich weiß: RSS-Feeds. Aber gibt’s dafür überhaupt noch schlanke gut nutzbare Reader?5

Heimelige Plauderecken finde ich inzwischen immer häufiger auf Discord-Servern oder in vergleichbaren abgeschlossenen Chaträumen. Vielleicht sollte man sich dorthin zurückziehen.

Nur das mit dem Reichweitenboost ist ohne kontinuierliche Aufregungs- und Interaktionsprovokation6 vermutlich nicht mehr hinzubekommen.

Alles wird gut

Hier aber erst einmal Stopp. Der alte Mann fängt schon wieder an, von früher zu erzählen. Ich will aber nicht in falsche Nostalgie verfallen. Nichts war früher besser, außer dass man selber jünger war.

Wir machen es uns einfach weiterhin nett mit unseren Blogs, Podcasts und auf angeschlossenen Discord-Servern. Oder sollte ich es mal mit einem Newsletter versuchen?7

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  1. Also ich jetzt. Ist ein Zitat aus “Angelo”. Wisst ihr selbst, oder? Gags und Anspielungen nie erklären, ich weiß. []
  2. Da fällt mir ein: was ist eigentlich aus “post.news” geworden? []
  3. Und was soll dieser Quatsch mit nur einem Hashtag? []
  4. Darunter mag dann wohlgemerkt auch viel negatives sein. []
  5. Ich bin mit “Feedly” durchaus zufrieden – aber ideal ist das Ding auch nicht. []
  6. oder gegen Geld []
  7. Wie wär’s? Wenn sich in nächster Zeit sagen wir zehn Leute registrieren mach ich mal einen Testlauf mit Link- und Lesetipps, Serienempfehlungen und vielleicht sogar einer kleinen Fortsetzungsgeschichte. Deal? []

Eine Antwort auf „Früher war mehr Twitter“

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